Die Meru

Die Meru sind ein Bantuvolk, das in dem Gebiet zwischen Mt. Meru und dem Kilimanjaro siedelt. Der Name ‘Meru’ ist eine Fremdzuschreibung. Die Meru selbst nennen sich ‘Varwa’ oder ‘Rwo’, das Wort ‘Meru’ ist vermutlich durch falsche Transkription durch frühe Missionare entstanden, ist heute aber die gängige Bezeichnung. Die Meru sprechen einen Chagga-Dialekt. Ihrer eigenen Überlieferung zufolge wanderten drei Klanführer, Kaaya, Mbise und Machame von den Usambara Mountains in die Region westlich des Kilimanjaro. Kaaya und Mbise wanderten westwärts zum Mt. Meru, Machame zog ostwärts zum Kilimanjaro.

Der Machame -Klan gehört zu den Chagga, während Mbise und Kaaya Meru sind. Dieser Mythos konstruiert also so etwas wie eine Bruderschaft zwischen Chagga und Meru. Dieser Ursprungsmythos steht historisch auf etwas wackeligen Beinen, da keinerlei kulturelle oder linguistische Ähnlichkeit zwischen den Meru und den Shambaa, also der Bevölkerung der Usambara Mountains, besteht. Von daher gilt eine Verwandtschaft zwischen beiden praktisch als ausgeschlossen. Man geht heute davon aus, daß die Meru Chagga sind, die etwa Mitte des 17. Jahrhunderts westwärts wanderten. Die Meru sind in sogenannten Patriclans organisiert. „Patriklan“ bedeutet, daß die Abstammungsgruppe patrilinear ist, daß also in der Abstammungslinie immer nur männliche Vorfahren auftauchen. Im Patriclan bestimmt sich, ausgehend von einem männlichen Vorfahr, dem Gründervater des Klans, die weitere Abstammungslinie immer über die männlichen Nachfahren in den folgenden Generationen. Die weiblichen Mitglieder eines Klans heiraten Männer außerhalb des eigenen Klans und nehmen nach der Hochzeit die Klanzugehörigkeit des Mannes an. Wichtigste Voraussetzung für die Hochzeit ist, daß sowohl Braut als auch Bräutigam initiierte Erwachsene sind, das bedeutet: beschnitten sind. Die Hochzeitszeremonie für nicht-christliche Meru knüpft in aller Regel direkt an die Initiationszeremonie - also die Beschneidung - der Braut an. Das Alter bei der Hochzeit variiert je nach Bildungsstand und Reichtum, liegt aber zwischen 20 und 30 Jahren für die Männer und zwischen 18 und 25 Jahren für die Frauen. Neben der Verwandtschaft spielt die Zugehörigkeit zu Altersklassen eine zentrale Rolle. Es gibt eigentlich drei Altersklassen in der Meru-Gesellschaft, wobei nur für die zweite, die der vasero - Krieger, eine Initiation stattfindet. Das höchste politische Amt in der Gesellschaft der Meru war traditionell das des mangi, der über alle Meru-Klane herrscht. Er stammte grundsätzlich aus dem Kaaya-Klan. Konflikte wurden meist - wie das in afrikanischen Gesellschaften fast immer der Fall ist - im sogenannten Palaver gelöst. Dieses Prinzip besteht darin, daß sich alle Betroffenen in einer zu verhandelnden Sache zusammensetzen und reden, bis ein Konsens gefunden ist.

Die traditionelle Wirtschaftsform ist der Ackerbau. Es werden kleinere Gärten bewirtschaftet. Die wichtigsten Erzeugnisse waren Bohnen, Mais, aber auch Bananen, die zu den Hauptnahrungsmitteln zählten. Darüber hinaus werden einige Rinder, Schafe und Gänse gehalten. Angebaut wurde früher überwiegend zur Subsistenz, wenngleich auch bis zu einem gewissen Grade Handel betrieben wurde. Grundeinheit des Wirtschaftens ist für gewöhnlich das Gehöft, das von einer erweiterten Kernfamilie bewohnt wird, das bedeutet: Kernfamilie - Eltern und unverheiratete Kinder - plus eventuell verheiratete Kinder, die noch keinen eigenen Haushalt gegründet haben. Neben ihrer Tätigkeit als Ackerbauern sind die Meru als Honigproduzenten berühmt. Der Honig wird gewonnen, indem ausgehöhlte Baumstämme zu Bienenstöcken umfunktioniert und zwischen den Ästen bestimmter Bäume aufgehängt werden. Aus dem Honig gewann man früher vor allem Honigwein, der große ökonomische, soziale und rituelle Bedeutung hatte. Ihn zu trinken war ein Vorrecht des Alters, weshalb er hauptsächlich von alten Männern konsumiert wurde. Darüber hinaus verwendete man ihn in bestimmten Zeremonien als Opfer an die Ahnen geopfert. Der Honig wurde ausserdem genutzt, um bei der Hochzeit den neuen Ehebund zu segnen. Im Verlaufe des 19. Jahrhunderts wurde der Honigwein jedoch weitgehend durch Bier erzetzt, das mbege - Bier aus Bananen und einer bestimmten Hirsesorte. Dieses Bier übernahm in weiten Bereichen die rituellen und sozialen Bedeutungen des Honigweins. Heute ist die Mehrzahl der Meru Christen. Die übrige Zahl der Meru fühlt sich weiterhin den traditionellen religiösen Vorstellungen verpflichtet. Die Glaubensgemeinschaft bei den Meru war stets der Klan, und es bestand eine Vernetzung zwischen Verwandtschaft, Ahnen und Land, die von fundamentalerer Bedeutung kaum sein könnte. Die Ahnen mussten in bestimmten Ritualen positiv gestimmt werden, denn sonst würde das Land nicht fruchtbar sein und die Verwandten dem Betreffenden keinerlei Unterstützung geben. Neben den Ahnengeistern spielt der Komplex Hexerei und Zauberei eine wichtige Rolle. Zum einen gibt es die vaanga (Sing.: mwaanga), zum anderen die sogenannten Vasawi (Sing.: nsavi). Die vaanga sind Heiler, die über besonderes Wissen um bestimmte Heilmittel und magische Praktiken verfügen, mit denen man diverse Krankheiten heilen kann. Die Vasawi hingegen sind Hexen männlichen oder weiblichen Geschlechts, die nach Vorstellung der Meru rein negatives Potential besitzen.